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Curated by Eva Kraus and Volo Bevza

13. September – 15. Oktober 2022

Öffnungszeiten

Di–Fr, 12 Uhr–18 Uhr

Sa, 11 Uhr–15 Uhr

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Mit Arbeiten von Yevgenia Belorusets, Volo Bevza, Dariia Kuzmych, Victoria Pidust und Artem Volokitin.

Crone Wien präsentiert im Rahmen des Galerienfestivals „Curated by“ die Ausstellung „2022“, die von der Intendantin der Bundeskunsthalle Bonn, Eva Kraus, und dem ukrainischen Künstler Volo Bevza kuratiert wurde. Gezeigt werden rund 25 Malereien, Skulpturen, Videoarbeiten, Installationen und Fotografien junger ukrainischer Künstler.innen, deren Arbeit sich seit dem russischen Überfall auf ihre Heimat grundlegend verändert hat und vom Kriegsgeschehen auf unterschiedliche Weise beeinflusst ist.

Kraus und Bevza nehmen das diesjährige Curated-by-Thema „Kelet“ (Osten) zum Anlass, den Fokus insbesondere auf einen soziokulturellen Aspekt zu lenken, den man seit langer Zeit weltweit kennt, der aber derzeit in der Ukraine — und damit im Konflikt zwischen Ost und West — eine neue, brutale Dimension erfährt: Die Überlagerung von realen Gräueln und ihrer zeitgleichen Spiegelung in den sozialen und klassischen Medien, also das permanente Ineinander-Greifen von tatsächlichem Geschehen und virtuellem Abbild, von Authentizität und Simulation, von Fakt und Fake.

Nicht erst seit der Eskalation des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine Anfang dieses Jahres hat sich unsere Realität verschoben. Voran ging der ideologische Konflikt zwischen den Systemen „Ost-Diktatur / West-Demokratie“, die pandemische Krise, Migrationsströme, Verschwörungstheorien und die Erstürmung des Kapitols (und damit das sinnbildliche Wanken der Demokratie) wie auch weitere Erschütterungen, die wir medial verfolgt haben.

Die kollektive Zeugenschaft durch die zeitgleiche Medienberichterstattung macht unsere Wirklichkeit irrealer, das Drama absurder, als es vorweg hätte vorstellbar werden können – denn es spielt sich alles live vor unserem digitalen Auge ab. Ein physischer Krieg im 21. Jahrhundert in Europa erscheint unzeitgemäß, auf dem Screen beinahe grotesk, der propagandistische Informationskrieg, könnte man meinen, vollkommen überholt – jedoch das Mittel der Zeit.

Die multiplen Informationen und Falschinformationen überlagern sich. „Kaum schaltet man das Handy ein, kommen Nachrichten rein und erweitern die tagtägliche Realität zu einer Hyperrealität“, sagt Volo Bevza, Künstler und Co-Kurator der Ausstellung. „Vor Ort kann man den Krieg spüren, aber vor allem wird er digital ‚erlebt’. Diese Hybridität unserer Wahrnehmung bringt mit sich die Idee eines flexiblen, adaptierbaren, vielgestaltigen und plattformübergreifenden Bildes, das mit Software und digitalen Medien verschmilzt – genauso wie die Informationen über den Krieg es tun.“

Mit dieser Überlagerung und Überblendung von Informationen und Bildern beschäftigt sich die Ausstellung „2022“ im Rahmen des Curated-by-Galerienfestivals. Bewusst wurden nur ukrainische Künstler.innen ausgewählt, für die sich das Aufeinandertreffen von realem Krieg und hybrid-virtueller Kriegswahrnehmung besonders bizarr und verstörend anfühlen mag. Dabei stellt sich die Frage, wie solch einschneidende Erlebnisse reflektiert werden und wie die Berichterstattung eine künstlerische Auseinandersetzung verändern. Durch und mit den Eindrücken der aktuellen Lage dient die multimediale Ausstellung der Sichtbarmachung einzelner Stimmen. Es werden antizipierende Arbeiten aus vorangegangenen Jahren und aktualisierte Werke gleichermaßen gezeigt. Es verschwimmen analoge und digitale Mittel, insbesondere in der Malerei und Fotografie. Dies ist indirekt ein Zeugnis der erlebbaren Verschiebung der Perspektiven durch die hybride Wahrnehmung einer Hyperrealität, die sehr schmerzlich und analog Gestalt annimmt.
 

In den Arbeiten von Victoria Pidust überlagern sich generierte Bildwelten mit analoger Fotografie. Dazu verwendet sie Fotogrammetrie-Software und stark vergrößerte Snapshots aus ihrem iPhone. Während des Krieges, im April 2022 in Kiew, hat sie einen zerschmetterten Bildschirm aus einer durch Kriegsschäden zerstörten Shopping-Mall gescannt, um daraus ‚natürlich‘ wirkende Landschaftsbilder zu rendern und diese wiederum mit Bauteilen einer Berliner Baustelle zu dekontextualisieren. Gezoomte, isolierte Details lassen sich als Gefahrenherd decodieren und signalisieren Alarmbereitschaft. Mit der assoziativen Mischung aus hybridem, visuellem Material führt sie die Manipulationsbereitschaft unserer Wahrnehmung vor.

Die Arbeiten von Yevgenia Belorusets hingegen wirken auf den ersten Blick dokumentarisch. Ihre Kriegstagebücher aus dem Frühjahr 2022 sind durch die tagesaktuelle Übertragung in Spiegel Online berühmt geworden. Schon in der Arbeit "Please don't take my picture! Or they'll shoot me tomorrow“ aus dem Jahre 2015 adressierte die Künstlerin mediale Täuschung durch die Adaption von Today’s Paper, einem fiktiven Journal, und setzte sich mit der Dichotomie von ‚privat-öffentlich‘ und ‚persönlich-generell‘ auseinander. In ihrer aktuellen Beschäftigung stellt sie sich dem Thema der Rezeption und Aufklärung im privaten Leben wie in der Öffentlichkeit mit künstlerischen und auch literarischen Mitteln. Alles unterzieht sie einem „Reality Check“, ihre zeitgleiche Hinterfragung schafft neue, simultane Realitäten.

Artem Volokitin übersetzt die Ängste vor dem digitalen Bild in traditionelle Ölmalereien – eine Allianz aus glaubhafter Materialität und fehlerhafter Künstlichkeit des Spektakels. In fast mittelalterlicher Maltechnik werden destruktive Momente in ekstatische Zustände überführt. Auf imposanten Tableaus begegnen sich in großer Geste Schönheit und nahender Alptraum.

In „Happiness 100%“ erforscht Dariia Kuzmych die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers anhand eines digitalen Avatars in Gestalt eines weiblichen Modells. Man erlebt, wie die in einer physischen Welt unmöglichen Veränderungen, Verwandlungen und Metamorphosen des Körpers virtuell sehr glaubhaft und schmerzhaft dargestellt werden können – und hierbei der digitale Raum mit seinen eigenen Gesetzen und Möglichkeiten unsere Basis-Vorstellungen erweitert. Digitale ‚Körperextensionen‘ ersetzen das analoge Medium nicht vollends. Jüngst entstandene delikate Aquarelle dechiffrieren reale Verletzungen.

Volo Bevza beschäftigt sich in seiner malerisch-digitalen Vorgehensweise immer wieder mit der Zerstörung: Physische Vernichtung überblendet sich bei ihm mit den Übersetzungsverlusten einer digitalen Software, die wiederum verfremdet in das Medium Malerei überführt wird. Hier vermischen sich die Realitäten; Überblendungen und der Filter des ‚Softimage‘ zeichnen dystopische Situationen weich. Malerische Strukturen überlagern die dokumentarische Aneignung. Seine Bilder sind überhöhte, aufgeladene Orte der erschreckenden, real existierenden Wirklichkeit.

Wir danken 4Spaces & ZigZagZurich für die freundliche Unterstützung der Ausstellung.

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