D A R R E L   E L L I S   

A L L E N   F R A M E

Deep in a Dream

11. März – 30. April 2022

Öffnungszeiten

Di–Fr, 12 Uhr–18 Uhr

Sa, 11 Uhr–15 Uhr

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Wir freuen uns sehr, die Ausstellung „Deep in a Dream“ von Darrel Ellis und Allen Frame in unserer Wiener Galerie ankündigen zu dürfen. Sie findet im Rahmen des Fotografie-Festivals „Foto Wien“ statt und vereint zwei künstlerische Positionen, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen, in Wahrheit aber weitreichende Berührungspunkte aufweisen: Beide setzen sich mit dem Privaten auseinander, beide suchen den intimen Moment, beide sind stille Hymnen auf New Yorker Subkulturen.

 

Getragen wird die Ausstellung überdies durch die persönliche Beziehung von Allen Frame und Darrel Ellis. Ihr Leben ist geprägt durch die Verankerung in der New Yorker Schwulenszene und Künstler-Boheme der 1980er Jahre, einer Zeit des Aufbruchs, der sexuellen Freiheit, des eskapistischen Anything-Goes und der hedonistischen Lebensweise vor dem großen Aids-Clash.

 

Der Fotograf, Autor und Regisseur Frame trifft den wenige Jahre jüngeren Künstler Ellis 1980 im New Yorker East Village. Rasch entwickelt sich zwischen ihnen eine enge Verbundenheit. Sie teilen die selben Interessen, Hoffnungen und Träume, zu ihren Freunden und Bekannten zählen bereits erfolgreiche KünstlerInnen wie Robert Gober, Cady Noland, Nan Goldin, Robert Mapplethorpe, Peter Hujar oder Ken Tisa.

 

Den Werken von Darrel Ellis wohnt eine tiefe Ernsthaftigkeit inne. Das Ausgangsmaterial für die Arbeiten bilden Fotografien seines Vaters, der vor Ellis‘ Geburt bei einer Straßenkontrolle von Polizisten getötet wurde. Während seiner Studienzeit übergab Ellis‘ Mutter ihm den Nachlass des Vaters mit den Negativen, der zum zentralen Bestandteil seiner künstlerischen Praxis werden sollte. Die Aufnahmen des Vaters zeigen Portraits, Straßenszene, Familienfeiern und Momentaufnahmen aus der schwarzen Community im Harlem und in der Bronx der 1950er Jahre. Durch Überarbeitung, Verzerrung, Fragmentierung verarbeitet Darrel Ellis sie zu splitterhaften Erinnerungsbildern. Sie spiegeln Ellis‘ Ringen mit der eigenen Identität und Geschichte, seinem queeren Selbstverständnis und den Herausforderungen an einen offen schwulen, schwarzen Künstler im New York der 1980er Jahre.

 

Frames Arbeit dagegen folgt einem starken dokumentarischen Impuls. Er bezeichnet sich selbst als Archivar seiner Zeit und seiner Zeitgenossinnen: „I‘m not only archiving myself but I’m archiving everyone I know.“

 

In seinen Fotografien hält er - mittels einer zwischen Schnappschuss und Filmstill changierenden Ästhetik - die queeren Subkulturen New Yorks fest, in denen er und Ellis sich in den 1980ern bewegen. Seine Fotografien lassen sich, ähnlich den zeitgleich entstandenen Arbeiten Nan Goldins, als visuelle Tagebücher lesen. Er fotografiert Freunde und Bekannte in privaten, alltäglichen Situationen, aus dem persönlichen Drang, ihre Geschichten festzuhalten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Nach Darrel Ellis‘ frühem Aids-Tod 1992 bemühte sich Frame darum, dessen Werk zu erhalten, kuratierte noch im selben Jahr eine posthume Soloausstellung Ellis in den Räumen von Art in General und setzte sich auch in den Folgejahren für seinen künstlerischen Nachlass ein.

 

Ellis, der - besessen von der Auf- und Bearbeitung seiner Familiengeschichte - das fotografische Schwarz-Weiß-Archiv seines Vaters auseinandernahm, seine Fundstücke immer und immer wieder fragmentierte, überarbeitete und neu interpretierte, betont die Lücken, findet zu sich und seiner Geschichte über Unschärfen und Löcher, während Frame sich der Geschichte durch das Festhalten von Momenten aus dem Leben seiner Weggefährten nähert. Beide arbeiten sich an Erinnerung und Vergessen ab, halten Stimmungen fest und schaffen assoziative, emotionale Bilder. Sie fordern Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und fragen, wie Erinnerung funktioniert, welche Formen der Vergegenwärtigung durch Kunst funktionieren können.

 

Während Darrel Ellis‘ Arbeiten schwarz-weiß sind, harte Kanten aufweisen und disruptive Brüche zeigen, sind Allen Frames Fotografien in melancholisch anmutenden, beinahe verklärenden Farbtönen gehalten. Beides zeugt davon, dass diese Bilder noch aus der Zeit vor der digitalen Fotografie stammen, aus dem letzten großen Aufbäumen der rein analogen Bildgestaltung, die aber um neue fotografische Ästhetiken ringt und damit gleichsam zum Vorboten des digitalen Auges wird.

 

Ellis erzeugt die verstörende, höchst künstlerische Wirkung seiner Werke, indem er die Fotografien seines Vaters auf Gips- und Styropor-Formen projiziert und wieder abfotografiert. An den Bruchstellen der Projektionsflächen hinterlassen sie ihre markanten Brüche, Löcher und Leerstellen. Ellis praktiziert also gewissermaßen eine visuelle Form des Samplings und der Scratch-Techniken, wie sie damals in der Hip-Hop-Musik und später im Techno Anwendung fanden. Frame wiederum nimmt in elegischer, fast romantisierender Weise die Überhöhung des Zufalls und der Flüchtigkeit vorweg, wie sie später die Fotografie der 1990er Jahre und noch später die Instagram-Ästhetik prägen sollte - wobei nie ganz klar wird, ob seine Bilder eher das Geheimnis oder das Offensichtliche suchen.

 

„Deep in a Dream“ führt den Betrachter somit nicht nur in die freizügige Vor-Aids-Ära der New Yorker Subkultur und Kunstwelt, sondern auch in experimentelle Foto- und Kunstpraktiken, die insbesondere in Darrel Ellis‘ Arbeiten einen einzigartigen Charakter und eine unvergleichliche Meisterschaft erreichten - Arbeiten, die in Vergessenheit geraten waren und nun seit drei, vier Jahren endlich wieder entdeckt werden, wie Einzelausstellungen im Baltimore Museum, im Brooklyn Museum und in der Not Vital Foundation sowie jüngste Ankäufe durch das Whitney Museum, Metropolitan Museum of Art, Harvard Art Galleries und das Brooklyn Museum beweisen.

 

 

Darrel Ellis wurde 1958 in New York geboren, wo er Ende der 1970er Jahre an der Cooper Union University Kunst studierte und nach seinem Abschluss in den 1980er Jahren als freischaffender Künstler lebte. Er verstarb 1992 im Alter von nur 34 Jahren an Aids.

Seine Arbeiten wurden vor seinem Tod in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen gezeigt, unter anderem in der Anichini Gallery New York und in der legendären Überblicksschau „Witnesses: Against Our Vanishing“, die Nan Goldin 1989 im Artists Space New York kuratierte. Seine erste Ausstellung im MoMA New York erlebte Ellis nicht mehr, sie wurde 1992 zwei Monate nach seinem Tod eröffnet.

Danach geriet Ellis‘ Werk weitgehend in Vergessenheit. Seit zwei, drei Jahren erfährt es nun eine Wiederentdeckung und breite Aufmerksamkeit. 2020 zeigte Crone eine erste Einzelausstellung seiner Werke in Berlin, 2021 widmete ihm Candice Madey eine große Überblicksschau in New York und im selben Jahr eröffnete die Ausstellung „Darrel Ellis – An artist from New York“ in der Not Vital Foundation in Ardez in der Schweiz. 2022 und 2023 folgen nun Einzelausstellungen im Baltimore Museum, im Bronx Museum und in der Harvard Art Gallery. Das Whitney Museum of American Art New York, das Metropolitan Museum New York, das Brooklyn Museum und das MoMA New York haben kürzlich Arbeiten von ihm angekauft und in ihre Sammlungen aufgenommen.

Allen Frame wurde 1951 in Mississippi, USA, geboren und lebt in New York. Er unterrichtet Fotografie am
Pratt Institute in Brooklyn und am International Center of Photography in Manhattan. Neben seiner Tätigkeit als Fotograf und Kurator, arbeitet er regelmäßig als Autor und Regisseur. Zusammen mit Bertie Marshall verfasste er das Theaterstück „Call Grandad“ und führte am Old Red Lion Theatre in London Regie. 2012 produzierte er den Spielfilm „Four“ mit Wendell Pierce in der Hauptrolle. Soeben erschien sein Fotoband „Fever“, in dem seine stillen, intimen Aufnahmen aus der New Yorker Künstlerszene veröffentlicht wurden, die nun in der Ausstellung „Darrel Ellis and Allen Frame – Deep in a Dream“ zu sehen sind.

Die Ausstellung ist Teil des Fotografiefestivals "Foto Wien".

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