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C A R O L A   D E R T N I G

Roaming Circle

8. May – 15. Juni 2024

Öffnungszeiten

Di. – Fr., 11 – 18 Uhr

Getreidemarkt 14

1010 Wien

Wir freuen uns sehr, in unserer Wiener Galerie die Einzelausstellung „Roaming Circle“ der österreichischen Künstlerin Carola Dertnig präsentieren zu dürfen. Gezeigt werden neue Malereien, Skulpturen und Installationen, mit denen Dertnig an ihre aktuelle Personale in der Linzer Ausstellungshalle OK anknüpft und die Verflechtungen von Körper, Bühne, Sprache und Raum thematisiert.


Raumgreifende, rhythmische Kreisbewegungen, die komplexe Dynamik parallel und gegenläufig geführter Schwünge, ein Spiel mit sich haltenden Kräften zwischen Ziehen und Schieben – die neuen Skulpturen und Bilder, die Carola Dertnig in ihrer Ausstellung „Roaming Circle“ präsentiert, entziehen sich einer vorschnellen Interpretation. Die Werke sind Ausdruck des fortgesetzten Nachdenkens der Künstlerin über Performance und die Verbindung von Bewegung und Ästhetik in der bildenden Kunst.


Ausgangspunkt ist Dertnigs langjährige Auseinandersetzung mit der Feldenkrais-Methode. Das Verfahren zielt darauf ab, durch die Aufteilung von Bewegungsabläufen in kleine Einheiten dem Körper eingeschriebene und schädlich verfestigte Bewegungsmuster zu korrigieren. Auf Basis sprachlicher Anweisung werden in einem langsamen Prozess des wiederholten Hineinspürens in einzelne Körperhaltungen neue Zusammenhänge und Verbindungen erarbeitet. Dertnigs Interesse gilt dabei weniger dem therapeutischen Zweck als vielmehr dem Moment der Bewusstwerdung von Bewegungsabläufen in Verbindung mit dem Potenzial der Veränderbarkeit von Haltungen, wobei sie dies stets unter feministischer Perspektive mit der Frage verknüpft, wie sich gesellschaftliche Strukturen aufbrechen und alternative Handlungsmöglichkeiten etablieren lassen.


Im Rückgriff auf Aufzeichnungen aus einem von ihrer Mutter übernommenen Feldenkrais-Archiv übersetzt Dertnig die Komplexität von Bewegungs- und Zeiterfahrungen in neue visuelle Formen.


Ihre Formfindung entwickelt sich nicht aus der Beobachtung, sondern aus dem Erspüren des Körpers aus dem Inneren heraus. Die Werke sind unmittelbare Zeugnisse von Bewegungsabläufen und Materialisierungen ihres Denkens mit dem Körper.


In den Skulpturen überträgt sie die Emotion, Kraft und Anspannung auf die gebogenen Metallstäbe und erzeugt so Zeichnungen im Raum, die scheinbar eigenständige Persönlichkeiten entwickeln und mit ihren raumnehmenden Schwüngen wirken, als würden sie auf einer Bühne tanzen.


Für den Produktionsprozess der Bilder hingegen ist wesentlich, dass sie unter Einsatz des ganzen Körpers am Fußboden entstehen. Sowohl in den größeren, mit siebgedruckten Mustern hinterlegten Zeichnungen als auch in den kleinen, starkfarbigen Formaten begreift Dertnig die Bildfläche als Bühne. Sie knüpft damit an jenen kunst- und performancegeschichtlichen Topos der Leinwand als Spielfläche an, der etwa für Jackson Pollocks häufig als Tanz beschriebene Posen seiner All-Over-Malerei ebenso grundlegend war, wie für Trisha Browns Stück „It’s a Draw“, in dem sie mittels Zeichenkreide auf Händen und Füßen ihre Performance als Spuren aufs Papier bringt. In Zusammenhang mit der Idee der Bildfläche als Bühne ist außerdem erwähnenswert, dass die Künstlerin ihre intuitive Farbgebung mit dem Auswahlprozess von Kleidern für ihre Performances vergleicht. Die Farbwahl verkörpert so auch ein emotionales Wechselspiel von Kampf und Harmonie, Expressivität und Rückzug, Dominanz und Ausgleich.


Die Werke lassen sich nicht nur als autonome Setzungen, sondern auch als Form der Notation lesen.


Die Beziehung zwischen den Bewegungen und ihrer Repräsentation unterliegt dabei einer eigentümlichen Ambivalenz: Einerseits folgen die Aufzeichnungen dem Ereignis und besitzen als unmittelbare Spur desselben eine Virtuosität, Einzigartigkeit und Einmaligkeit, andererseits öffnen sie einen Raum für dir erneute Umsetzung derselben Bewegung. Sie formulieren ein Alphabet aus Linien und Figuren, das als Referenz für wiederholbare Verkörperungen dienen kann.


So handelt es sich bei der Skulpturengruppe auch um Reenactments älterer Werke, die hier in einem kleineren Maßstab ausgeführt wurden. Trotz dieser Skalierung der Figuren ist die Information der komplexen Interaktion von Körper, Material und Raum jedoch vollständig angelegt.


Auch die Überlagerungen in den Bildern, insbesondere die kreisenden, sich zu Strudeln verdichtenden Striche, zeugen von jenen Wiederholungen der Wiederholung der Wiederholung, die durch das andauernde Einüben eine Neubestimmung von Bewegungsabläufen und damit einer alternativen Realität ermöglichen.


Carola Dertnig wurde 1963 in Innsbruck geboren und lebt in Wien, wo sie den Fachbereich Performative Kunst an der Akademie der bildenden Künste leitet. Sie war langjähriges Vorstandsmitglied der Wiener Secession und kann auf zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen zurückblicken, u.a. in der Landesgalerie Niederösterreich, Krems, dem P.S. 1, New York, dem Artists Space, New York, dem MoMA, New York, dem mumok, Wien, der GfZK, Leipzig und der Secession, Wien.


Text: Annette Südbeck

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