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H A N N E   D A R B O V E N

J U L I A   G A I S B A C H E R

Gezählte Stunden

17. Januar–7. März 2026

Öffnungszeiten

Di.–Sa., 11:00–18:00 Uhr

Fasanenstraße 29

10719 Berlin

Die Ausstellung „Gezählte Stunden“ zeigt einen Dialog zwischen Werken der legendären deutschen Konzeptkünstlerin Hanne Darboven und der österreichischen Foto- und Videokünstlerin Julia Gaisbacher, die in einem direkten, sehr persönlichen Bezug zueinander stehen:


Gaisbacher verbrachte kürzlich mehrere Wochen in Darbovens ehemaligen Atelier- und Wohnräumen, die seit deren Tod im Jahr 2009 in unverändertem Zustand geblieben sind. Ihren dabei entstandenen einfühlsamen Schwarz-Weiß-Aufnahmen werden zwei raumfüllende Wandinstallationen von Hanne Darboven gegenübergestellt, in denen diese selbst mit dem Medium der Fotografie arbeitete.


Hanne Darboven (1941-2009) zählt zu den Mitbegründerinnen und bedeutendsten Vertreterinnen der Konzeptkunst. Einen Großteil ihres Œuvre widmete sie der Visualisierung von Zeit. Bereits in den 1960er Jahren begann sie mit der Entwicklung eines Zahlen- und Codierungssystems, mit dem sie Kalenderdaten und Zeitabläufe einer neuen Ordnung unterzog und „beschrieb“. Zunächst in Form von Konstruktionszeichnungen, Diagrammen und Kästchen, später durch ausgeklügelte Zahlenreihen oder rhythmisch anmutende, aber genau abgezählte Wellenlinien hielt sie Tage, Wochen, Monate, Jahre oder Dekaden fest. Dabei konnte es sich um eigene Lebenszeit handeln oder um Biografien berühmter Vorbilder und faszinierender Persönlichkeiten bis hin zu geschichtlichen Ereignissen und ganzen Epochen. Das in der Ausstellung gezeigte „Stundenbuch“ ist eines der seltenen fotografischen Werke Darbovens. In den 84 Fotocollagen findet sich eine expressive Interpretation des im Mittelalter berühmt gewordenen „Stundenbuchs“ - eines Manuskripts zum privaten Gebet außerhalb der Liturgie.


Darboven setzt ein solches Stundenbuch durch Formeln um, die sich in kalligrafischen Linien und kurvigen Formen manifestieren und einer immer gleichen logischen Struktur folgen. Dadurch schafft sie eine zutiefst eigenwillige Darstellung, mit der sie die nichtmaterielle Geste des Festhaltens der Zeit in eine Art philosophische Meditation überträgt. Im Sinne Wittgensteins zeigt sie dabei die Grenzen der Sprache auf. Darboven's Scheinschreiben ist eine Art Sprachspiel - ein „endloses textuelles Werden“, das nicht entziffert werden will. Bei ihr ist Zeit nicht linear, sondern etwas Elastisches, Raumdehnendes, das einen künstlerischen Möglichkeitsraum erschafft, der als räumliche Installation, als gedrucktes Buch oder als melodischer Rhythmus wahrgenommen werden kann.


In der oberen Etage der Galerie wird ein weiteres Beispiel von Darbovens Auseinandersetzung mit dem fotografischen Medium präsentiert. Das Werk „Gustav Stresemann postum“ (1998) zeigt eine Fotografie des deutschen Reichskanzlers und Außenministers Stresemann während seiner Rede zum Beitritt des Deutschen Reiches in den Völkerbund am 10. September 1926.


Die Wiener Künstlerin Julia Gaisbacher (geboren 1983) beschäftigt sich in ihren Arbeiten vorwiegend mit Urbanismus und Wohnen. In ihrer Arbeitsweise geht sie von umfangreichen Recherchen und Langzeitbeobachtungen aus, die sich auf urbane Landschaften als menschliche Lebensräume konzentrieren, mit dem Ziel, Zusammenhänge von Architektur und Gesellschaft fotografisch aufzuspüren und festzuhalten. Dafür verwendet Gaisbacher vorwiegend digitale Bilddateien als Rohmaterial und experimentiert mit verschiedenen Druckverfahren und Trägermaterialien.


Für ihr Projekt „Am Burgberg“ widmete sie sich den ehemaligen Atelier- und Wohnhäusern Hanne Darbovens in Hamburg-Harburg. Während mehrerer Besuche vor Ort nahm Gaisbacher hunderte Fotos auf und drehte einen Film mit Jörg Weil, Hanne Darbovens langjährigem Mitarbeiter und Lebensgefährten und Susanne Liebelt, einer Freundin Darbovens seit Kindertagen. In den Schwarz-Weiß-Passagen des Videos nimmt sich Gaisbacher einen Film Hanne Darbovens aus den Jahren 1981–1982 zum Vorbild, den diese für die documenta 7 anfertigte, unterlegt von Darbovens selbst komponiertem Opus 7 für elektronische Orgel.


In ihren Fotografien nähert sich Gaisbacher nicht zuletzt den Verflechtungen von Darbovens Kunst und dem Ort ihrer Entstehung. Auf einfühlsame wie präzise Art zeigt sie die ehemaligen Arbeitsbereiche der Künstlerin als Ort, an dem die Strenge der hier geschaffenen Werke in scheinbar unauflöslichem Zwiespalt zu der ausufernden Leidenschaft des Sammelns stehen, die Darboven zeitlebens prägte. Julia Gaisbacher fängt die Ambivalenz des Ortes in seiner Urigkeit auf akribische Art ein. Motive der Aufnahmen sind Assemblagen von diversen Objekten, Fotografien, Möbeln, Kunstwerken, Ramsch etc. Sie wirken wie Rätselbilder, in denen bei jedem Betrachten neue Details entdeckt werden können. In dem Bilderessay erscheint Hanne Darboven als Inbegriff des Homo Collector. In ihren Arrangements von „Kuriositätenkabinetten“ verleiht sie jedem Objekt eine Epistemologie, die von ihrer persönlichen Geschichte geprägt ist. Während der Recherche tritt Gaisbacher mit den künstlerischen Strategien der Konzeptkünstlerin in einen Dialog und versucht, ihre Dingsprache festzuhalten.


Die Gesamtheit der Aufnahmen ist durch unterschiedliche technische Modi sowie unterschiedliche Existenzweisen der fotografischen Anwendung charakterisiert. Zunächst wurden Farbaufnahmen mit dem Handy als erste Entwürfe erstellt, dann mit einer professionellen digitalen Kamera aufgenommen und schließlich am Computer in Schwarz-Weiß-Aufnahmen konvertiert. Der komplexe Chronotopos, den Gaisbacher in ihrer künstlerischen Forschung einfängt, schafft Möglichkeitsräume für unterschiedliche Narrative.


„Am Burgberg“ ist nicht nur die Adresse von Darbovens ehemaligen Atelier- und Wohngebäude, durch Gaisbachers Fotografien wird subtil sichtbar, was der Begriff für Darboven noch bedeutete: Eine Burg aus Bergen von Fundstücken, Kitschobjekten, Nippes, Preziosen, Erinnerungsschnipsel, hinter denen sie sich verschanzte, um ihre eindringliche, strenge, monoton erscheinende und doch hoch emotionale Kunst erschaffen und selbst ertragen zu können.

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