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M I L E N   T I L L

Wiener Aktivismus (Viennese Activism)

21. November 2025–17. Januar 2026

Öffnungszeiten

Di.–Fr., 11–18 Uhr

Sa., 11–15 Uhr 

Getreidemarkt 14

1010 Wien

Wir freuen uns sehr, die Ausstellung Wiener Aktivismus (Viennnese Activism) des deutsch-französischen Künstlers Milen Till in unseren Wiener Galerieräumen präsentieren zu dürfen. Gezeigt wird ein neuer Werkkomplex, der die visuelle Sprache von Protestkultur und Aktionskunst miteinander verbindet.


Scharfsinn, Leichtigkeit und ein feiner Sinn für Humor sprechen aus den Werken von Milen Till. Er kombiniert Objektkunst, Ready-Made-Art und Konzeptualismus mit kunsthistorischer Recherche und präzisen Beobachtungen unserer Gegenwart. Immer wieder greift er ikonische Werke berühmter Künstler*innen auf und gibt ihnen einen neue Bedeutung. Dabei untersucht er ihre visuellen Codes und Wirkungsweisen. Er baut Malevichs schwarzes Quadrat aus Zollstöcken nach, formt ein Solarpanel aus Yves Klein-blauen Postkarten oder stapelt Tassen zu einer endlosen Säule à la Constantin Brâncuși. Christbaumkugeln verwandeln sich in Handgranaten, Kühlschranktüren werden zu Kunstwerken und Bierdeckel zu skulpturalen Objekten. Auf diese Weise schärft Till unseren Blick für das Alltägliche – und hinterfragt zugleich unsere Vorstellungen vom Wert und Wesen der Kunst.


In seinen neuen Arbeiten für die Ausstellung Wiener Aktivismus (Viennese Activism) verbindet er die Bildsprache zweier Bewegungen, die den Körper zum Ort politischer Dringlichkeit und die Straße zur Bühne ihres Protests machten. Er verknüpft die radikalen Ausdrucksformen des Wiener Aktionismus mit den kompromisslosen Gesten des Klimaaktivismus und macht auf Parallelen in der Bilderzeugung aufmerksam.


Die vom Museumsglas triefende Tomatensuppe auf van Goghs Sonnenblumen, oder der schwarze Ölfleck auf Klimts Gemälde „Tod und Leben“ – die Aktionen aktivistischer Gruppen wie „Letzte Generation“ oder „Just Stop Oil“ bedienen sich bewusst oder unbewusst einer Formensprache, die in der Kunstgeschichte schon 60 Jahre zuvor erprobt wurde. Der Wiener Aktionismus, in den 1960er-Jahren von Günter Brus, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler und Otto Mühl begründet, suchte nach einer Befreiung von einer als repressiv wahrgenommenen Gesellschaft und sprengte dabei die Grenzen der Malerei. Vor allem Hermann Nitsch ist bekannt geworden für seine großformatigen Schüttbilder, die durch gestisches Auftragen der Farbe entstanden sind.


Milen Till verbindet diese beiden Pole nun in seiner Werkserie Viennese Activism. Dafür verwendet er historische Bilderrahmen, die von Plexiglashauben geschützt werden. Ihr Inneres, dort wo in der Vergangenheit schon Werke von Wassily Kandinsky oder Gabriele Münter hingen, bleibt nun bewusst leer. Stattdessen schüttet Till Farbe in einem expressiven Gestus auf die zuvor unberührte Plexiglasscheibe. Rote, blaue oder schwarze Schlieren überziehen die transparente Oberfläche. Die Grenze von Bild und Rahmen, von zweidimensionaler Malerei und dreidimensionalem Objekt verschwimmt.


Der Einsatz des Körpers ging sowohl im Wiener Aktionismus als auch im Klimaaktivismus weit über das bloße Schütten von Farbe hinaus. Vor allem Günter Brus machte seinen Körper zum zentralen Werkzeug seiner Kunst. Er bemalte, fesselte und verletzte sich, entblößte und präsentierte sich einem schockierten Publikum. In seinen Körper-Objekt-Konstellationen inszenierte er Folterinstrumente wie Nägel, Messer, Rasierklingen oder Scheren neben bemalten Körperteilen wie seinem Kopf oder seiner Hand. Während sein Körper in diesen fotografischen Arrangements aber vorerst unversehrt bleibt, gehen die Klimaaktivisten einen Schritt weiter. Sie kleben sich an Bilderrahmen oder Straßenkreuzungen fest und nehmen Verletzungen dadurch in Kauf. Ihre Bilder zirkulieren in Echtzeit durch die sozialen Medien. Sie zeigen Momente, die unter die Haut gehen: Auf dem Asphalt klebende oder von Presslufthammern befreite Hände, an denen in fast schon skulpturaler Form Betonreste kleben. Milen Till stellt sie Günter Brus‘ zeitlos wirkenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen gegenüber. Mit ihrer nüchternen Sachlichkeit stehen sie im Kontrast zu den flüchtigen Momentaufnahmen der medialen Berichterstattung. Der Bildträger aus geschliffenem Alu-Dibond greift die metallische Materialität von Brus‘ Folterwerkzeugen wieder auf. Die Aneinanderreihung der Bilder lässt an eine Straßenblockade denken. Die rhythmische Gegenüberstellung übersetzt die symbolische Kraft des Wiener Aktionismus in die brutale Realität der Gegenwart.


In seinen Arbeiten Selbstbeklebung vollzieht Till schließlich den letzten Schritt und bindet nun auch seinen eigenen Körper in den Werkkomplex mit ein. Er entwickelt einen Abguss seiner eigenen Hand, die in ihrem strahlenden Weiß an die Bemalungen von Günter Brus erinnert. Auf weißem Untergrund fixiert wird sie zum Sinnbild für die kompromisslosen Aktionen der Klimaaktivisten. Nur das vergilbte Expoxidkleber bricht die Unversehrtheit des Weiß und erinnert an die morbiden Inszenierungen der Wiener Aktionisten.


Diese Thematik greift Till in seiner Werkserie der Handgranatenwieder auf, in der Christbaumkugeln zu museal inszenierten Bildwerken werden. Das humorvolle und zugleich präzise Wortspiel verweist auf Protestaktionen, bei denen mit Farbe gefüllter Christbaumschmuck zum Wurfgeschoss wird. Till eröffnet hier ein Spannungsfeld zwischen pazifistischer Festlichkeit und gewaltvollem Protestgestus, in dem Betrachter:innen sich spiegelnd verorten können.


Der Wiener Aktionismus sorgt auch noch sechzig Jahre nach seinem Entstehen für kritische Debatten. Till verzichtet in diesem Kontext bewusst auf eine Bezugnahme auf Otto Mühl, der 1991 wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. In seinen Werken beschäftigt er sich mit der versteckten Logik der Bilderzeugung, die Aktionskunst und Aktivismus über die Jahrzehnte hinweg miteinander verbindet. Als sensibler Beobachter lenkt er unsere Aufmerksamkeit auf Zusammenhänge, die uns sonst verborgen bleiben und übersetzt sie in seine ganz eigene, humorvoll pointierte, künstlerische Formensprache. Er untersucht die vielfältigen Mechanismen visueller Kommunikation – und schafft einen Resonanzraum, in dem Fragen offen bleiben und weiterklingen.


Milen Till wurde 1984 in München geboren. Zusammen mit seinem Bruder Amédée bildete er das legendäre DJ-Duo „Kill The Tills“, bevor er sich 2016 der bildenden Kunst zuwandte. Er studierte an der Münchner Kunstakademie bei Gregor Hildebrandt, wo er 2020 mit dem Meisterdiplom abschloss. Er nahm an zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen teil, unter anderem der Galerie Crone, Berlin; Galerie Ruttkowski;68, Köln; Galerie Klüser, München, der Baumwollspinnerei Leipzig, dem Kunstverein Heppenheim, der Galerie Suzanne Tarasieve, Paris, der Avlskarl Gallery, Kopenhagen, der Villa Schöningen, Potsdam, der Villa Stuck, München, dem Kunstquartier Bethanien, Berlin, sowie den Rumänischen Kulturinstituten in Berlin und Paris. Tills erstes Buch, Till Now, erschien im Juni 2023 im Hatje Cantz Verlag.


Anja Heitzer

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