V O L O B E V Z A,
J E N N Y B R O S I N S K I,
J O S E P H H E E R,
G R E G O R H I L D E B R A N D T,
D A N I E L L E R G O N,
D A V I D O S T R O W S K I,
S T E F A N R E I T E R E R,
M A R K U S S A I L E,
R U S C H A V O O R M A N N
Smooth Operations
23. Januar–13. März 2026
Öffnungszeiten
Di.–Fr., 11–18 Uhr
Sa., 11–15 Uhr
Eröffnung
Donnerstag, 22. Januar 2026
18–21 Uhr
Getreidemarkt 14
1010 Wien

Wir freuen uns sehr, die Gruppenausstellung „Smooth Operations“ in unserer Wiener Galerie ankündigen zu dürfen, die sich mit aktuellen Strömungen in der abstrakten Malerei auseinandersetzt. Dabei steht die Frage im Vordergrund, inwieweit einer zunehmend disruptiven, konfrontativen Welt eine immer fließendere, harmonischere Ästhetik gegenübersteht.
Anhand von neun beispielhaften Positionen aus Deutschland und Österreich werden visuelle Gemeinsamkeiten und formale Strategien bei der Veränderung der gegenstandslosen Bildsprache vor dem Hintergrund des permanenten globalen, politischen und gesellschaftlichen Ausnahmezustands ausgelotet.
Abstrakte Kunst war nie nur Form. Sie war immer ein Seismograf. Insbesondere die abstrakte Malerei reflektiert seit ihren Anfängen politische, technologische, gesellschaftliche und psychologische Umbrüche. Sie ist weniger Flucht aus der Realität als vielmehr deren Verdichtung: eine Übersetzung von Zeitgeist in Form, Farbe, Geste und Struktur.
Gerade in Phasen radikaler Erschütterung suchte die Abstraktion häufig nach Gegenbildern. Der Suprematismus und Konstruktivismus formulierten inmitten politischer und sozialer Umwälzungen Visionen klarer Ordnung und universeller Strukturen. Informel und lyrische Abstraktion entwickelten nach den Traumata des Zweiten Weltkriegs eine Bildsprache der Offenheit, der Sensibilität und des Ausgleichs. Der Minimalismus reagierte auf die Überreizung der Konsum- und Mediengesellschaft mit radikaler Reduktion und formaler Disziplin.
Auffällig ist: Abstraktion wurde dort besonders harmonisierend, strukturierend oder beruhigend, wo die Welt als brüchig, bedrohlich oder instabil erfahren wurde. Umgekehrt waren jene Phasen, in denen Abstraktion eruptiv, aggressiv und brachial auftrat – etwa im Action Painting oder im abstrakten Expressionismus – häufig von relativer politischer und ökonomischer Stabilität geprägt. Die künstlerische Geste konnte sich Exzess leisten, wenn die Welt ihn nicht täglich aufzwang.
Vor diesem Hintergrund versteht sich „Smooth Operations“ als Versuch, an ausgewählten zeitgenössischen Positionen zu untersuchen, wie Abstraktion heute auf globale Verwerfungen, technologische Beschleunigung, ökologische Bedrohungen und gesellschaftliche Polarisierung reagiert.
Wenn man die Entwicklung der abstrakten Malerei in den letzten fünf, sechs Jahren beobachtet, könnte man zugespitzt sagen: Je mehr es in der Welt hakt, desto fließender werden die Formen. Je heftiger es draußen kracht, desto harmonischer werden die Bildkompositionen. Je aufgeheizter die Stimmung ist, desto ruhiger, beschaulicher geht es auf der Leinwand zu. Je unversöhnlicher sich Positionen, Mächte und Menschen gegenüberstehen, desto behutsamer greifen Farben und Flächen ineinander.
Die in der Ausstellung versammelten Arbeiten können trotz unterschiedlicher Herangehensweisen als Referenzen für diese Tendenz gelesen werden. Zusätzlich verbindet sie aber noch ein paradoxes Moment: Sie leugnen das Disruptive, Unübersichtliche und Fragile unserer Zeit nicht, sondern greifen es auf. Sie übersetzen es jedoch in Bildwelten, die von Ausgewogenheit, Präzision und Schönheit geprägt sind. Brüche werden geglättet, Störungen rhythmisiert, Spannungen ästhetisch organisiert. Doch diese Harmonie ist keine naive. Sie trägt das Verstörende in sich – als Ahnung, als Schichtung, als instabile Ordnung.
Die Formen erscheinen teils weicher, die Übergänge fluider, die Oberflächen kontrollierter als in vielen historischen Vorbildern. Digitale Bildlogiken, industrielle Produktionsweisen, neue Materialien und individuelle konzeptuelle Setzungen prägen eine Abstraktion, die weniger vom heroischen Gestus als von kalkulierten Prozessen, Verschiebungen und Überlagerungen lebt. Das Bild wird zum Interface: ein Ort, an dem organische Anmutung, algorithmische Präzision und subjektive Entscheidung ineinandergreifen.
So entstehen abstrakte Räume, die zugleich beruhigen und irritieren. Sie suggerieren Kontrolle und verweisen doch auf ihre eigene Konstruiertheit. Sie laden zur Kontemplation ein und machen gleichzeitig spürbar, wie sehr unsere Wahrnehmung heute von unsichtbaren Systemen, Filtern, Programmen und Optimierungslogiken durchzogen ist. Die Abstraktion der Gegenwart zeigt nicht mehr den Ausbruch, sondern den Prozess. Nicht die Explosion, sondern die Operation.
Mit dem Ausstellungstitel „Smooth Operations“ – zu deutsch etwa „reibungslose Abläufe“ – wird auf das Prozesshafte in den aktuellen Strömungen der abstrakten Malerei verwiesen. Gleichzeitig nimmt er augenzwinkernd Bezug auf den Song „Smooth Operator“ der britischen Popikone Sade: eine sanfte, betörende Hymne an eine Figur, die geschmeidig, gekonnt und gewandt jede Situation zu meistern scheint – gerade deshalb aber nicht zu greifen ist und keine Spuren hinterlässt. Schon immer wurde der Song zugleich als Kritik gelesen: als Abgesang an eine Haltung, die Eleganz, Coolness und Souveränität als Maske nutzt, hinter der sich Kälte, Egoismus, Unverfrorenheit und Machtbewusstsein verbergen.
Diese Figur ist heute in neuer Dringlichkeit präsent – nicht als Einzelfall, sondern als Symptom einer gesellschaftlichen Stimmung, in der Durchsetzungswille, Selbstinszenierung, Narzissmus und rücksichtslose Vorteilslogik oft als konsensfähige, erstrebenswerte Stärke gelten, während Verantwortung, Verbindlichkeit und Empathie zur reinen Nebensache geraten.
Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten können auch in dieser Hinsicht verstanden werden: als ambivalente Reflexion, die einerseits das Glatte, Gewandte, Souveräne aufsaugt, andererseits die Machtbesessenheit, Egozentrik, Unerbittlichkeit aufzeigt, die sich dahinter verbergen.
Die neun Künstler*innen, die sie geschaffen haben, verfolgen teilweise sehr unterschiedliche Ansätze, finden sich aber alle in dem Spannungsfeld wieder, das sich heute unweigerlich in die abstrakte Malerei einschreibt – formal, materiell, gestisch und konzeptuell:
Volo Bevza ( *1993, Kyiv, UA) verwendet in seinen Arbeiten häufig visuelle Versatzstücke aus Kriegsbildern und medialen Fragmenten seiner ukrainischen Heimat, die er verfremdet, dekonstruiert und in abstrakte Bildwelten überführt. Das Disruptive und Brutale wird nicht ausgeblendet, sondern in ästhetisch organisierte, kontemplative Bildräume übersetzt, in denen politische Realität als strukturelle Spannung präsent bleibt.
Jenny Brosinski ( *1984, Celle, DE) verbindet in ihren Arbeiten Malerei, Zeichnung und Objekt zu gestischen, oft humorvoll gebrochenen Kompositionen. Ihre Abstraktion oszilliert zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen kalkulierter Setzung und eruptiver Linie – und verweist auf die Fragilität ästhetischer Ordnung.
Joseph Heer ( *1954, Wien, AT) entwickelt vielschichtige Bildräume, in denen sich konzeptuelle Setzungen, räumliche Strukturen und malerische Oberflächen verschränken. Seine Arbeiten reflektieren Prozesse der Konstruktion, Verschiebung und Wahrnehmung und verhandeln Abstraktion als bewusst organisierte, zugleich fragile Ordnungssysteme.
Gregor Hildebrandt ( *1974, Bad Homburg vor der Höhe, DE) arbeitet mit kulturellen Trägermedien wie Tonband, Schallplatten oder Kassetten. Seine abstrakten Oberflächen entstehen aus Speichern von Klang, Erinnerung und Zeit. Die scheinbar glatten schwarzen Flächen tragen Spuren von Übersetzung, Löschung und Verdichtung in sich und machen Abstraktion zum Archiv unsichtbarer Informationen.
Daniel Lergon ( *1978, Bonn, DE) arbeitet mit fein nuancierten Farbfeldern und präzisen malerischen Setzungen. Seine Kompositionen entwickeln eine fragile Balance zwischen formaler Klarheit und latenter Instabilität. Farbe erscheint bei ihm als atmosphärischer, psychologischer und struktureller Raum zugleich.
David Ostrowski ( *1981, Köln, DE) reduziert Malerei auf minimale Eingriffe, Spuren, Spritzer und Störungen. Seine Werke thematisieren das Bild als Operationsfeld: als Ort, an dem kleinste Gesten maximale Wirkung entfalten und Leere zur aktiven Größe wird.
Stefan Reiterer ( *1988, Waidhofen an der Thaya, AT) bewegt sich an der Schnittstelle von Malerei, Objekt, Raum und Prozess. Seine Arbeiten entstehen aus seriellen Eingriffen, Überlagerungen und medialen Verschiebungen und thematisieren die Bedingungen ihrer eigenen Herstellung – Abstraktion als operative Struktur.
Markus Saile ( *1981, Stuttgart, DE) verbindet malerische und skulpturale Elemente zu hybriden Oberflächen, in denen organische Anmutung und konstruktive Setzung aufeinandertreffen. Seine Werke untersuchen das Verhältnis von Körper, Struktur und Bildraum.
Ruscha Voormann ( *1992, Flensburg, DE) entwickelt abstrakte Arbeiten, die sich aus Verdichtungen, Verschiebungen und rhythmischen Ordnungen speisen. Ihre Bildwelten sind geprägt von sensiblen Übergängen und subtilen Spannungen zwischen Fläche, Tiefe und Bewegung.
Gemeinsam entfalten diese neun Positionen ein vielschichtiges Panorama zeitgenössischer Abstraktion – als ästhetische Praxis, die nicht auf Eskapismus zielt, sondern auf die bewusste Gestaltung von Komplexität.
