S T E F A N   R E I T E  R E R  

Deflection

3. September – 8. Oktober 2022

Öffnungszeiten

Di–Fr, 12 Uhr–18 Uhr

Sa, 11 Uhr–15 Uhr

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Mit "Deflection" präsentiert Crone Berlin die erste Einzelaustellung des jungen österreichischen Künstlers Stefan Reiterer in Deutschland. Zu sehen sind Wandobjekte und großformatige Textilinstallationen, die einerseits die Symbiose des Analogen und Digitalen beschwören, andererseits unsere Wahrnehmung und Vorstellung von Räumen neu „verorten“.

In der Bautechnik ist die Durchbiegung (Deflection) das Ausmaß, in dem sich ein Teil eines Bauelements unter einer spezifischen Last verformt. Blickt man auf Stefan Reiterers künstlerisches Werk, könnte man annehmen, dass es ein ähnliches Ausmaß verkörpert und der „Last“ seines gewählten Mediums – der Malerei – biegsam begegnet.

Bewusst verzichtet Reiterer auf bedeutungsschwere Titel. Er nummeriert und benennt seine Arbeiten stattdessen nach technischen Parametern und Bezeichnungen (Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Templates oder Texture Mapping), um nach eigenem Bekunden „das Individuum hinter der Malerei auszulagern“. Was dadurch nach vorne tritt und sich hinter den Kürzeln und generischen Benennungen verbirgt, sind faszinierende Gebilde, die zwischen abstrakter Form und verschwommener Landschaft oszillieren. Ihre unscharfen Oberflächen und der fließende Pinselduktus erinnern an impressionistische Bildkompositionen. Gebogene Kanten und Kreaturähnliche Züge ziehen Parallelen zu surrealistischen Avantgardist*innen, illusionistische Vorsprünge und Biegungen mimen perfekte Trompe-l’OEils aus Öl.

Geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit analogen und digitalen Räumen sowie deren Manipulation, wundert es jedoch wenig, dass bei näherer Betrachtung Brüche und Glitches in den Perspektiven und Sujets von Reiterers Malereien auffallen. Innerhalb der verzogenen Farblandschaften ragen immer wieder Leerstellen und Bruchstücke hervor, die den abstrakten Sog unterbrechen: eine geziegelte Hauswand, die Aufsicht eines Straßenzuges, vielleicht sogar ein Sternenhimmel?

 

Was wir hier sehen, ist eine Art Kreislauf der Wiederholung, der allen Arbeiten des Künstlers inhärent ist: Ähnliche Bildfragmente und -ausschnitte tauchen immer wieder auf, begleiten ihn in unterschiedlicher Form und Gestalt oft über lange Zeiträume und manifestieren sich in mehrteiligen Werkserien. Die Palette der visuellen Versatzstücke ist vielfältig und verweist ins Unendliche, Elemente nehmen aufeinander Bezug und greifen ineinander. Man findet abstrakte Strukturen, Markierungen, detailliert abgebildete Luft und Satellitenaufnahmen, die Reiterer digital verzerrt, ausdruckt, malt, erneut verzerrt, wieder malt und schließlich auf große Holzplatten – zurechtgeschnitten zur jeweiligen Form – überträgt.

 

Für seine Templates-Serie geht der Künstler seit einigen Jahren noch einen Schritt weiter und bearbeitet bereits bestehende analoge Collagen im digitalen Raum erneut. Als 3D-Scans erfahren die Faksimiles dort eine weitere Transformationsstufe: Nun beliebig dehn-, dreh- und verzerrbar, gehen sie in einen fluiden Zustand über, in dem unterschiedliche Bildreferenzen einmal mehr ineinander morphen und zum völlig zeit- und ortsunabhängigen digitalen Gewebe werden. Aus den unendlichen Ansichtsmöglichkeiten und Perspektiven des 3D-Modells wählt Reiterer im weiteren Prozess eine Variante aus, die er anschließend mit klassischen malerischen Mitteln an den physischen Raum

zurückbindet. Als Mimikry des Abbilds werden digital generierte Biegungen und Zerrungen illusionistisch wiederholt und Farbverläufe und Oberflächen detailgenau in analoge Ölmalereien auf Holz übersetzt. Die malerischen Resultate können in diesem Sinne als weitere Manifestationen jenes wiederkehrenden Kreislaufes verstanden werden, der Bilder zu

anachronistischen Gefäßen verschmilzt, in denen das Digitale das Analoge informiert und vice versa.

In der Ausstellung Deflection positioniert der Künstler neueste Versionen seiner Templates-Serie in einer raumgreifenden Kulisse aus bemalten Stoffbahnen (als Teil der Texture-Mapping-Serie), die sich in Anlehnung

an den Ausstellungstitel wie eine Durchbiegung über den Boden der Galerieräume wölbt. Einmal in Öl gebannt, erscheinen seine Werke in diesem räumlichen Setting wie Protagonist*innen auf einer Bühne, die sich malerischer Gimmicks und Werkzeuge bedienen, um das Medium nach den eigenen Vorstellungen zurechtzubiegen und zu (per-)formen.

 

Begleitet wird die Ausstellung von einer Kollaboration mit dem kanadischen Künstler Jeremy Bailey, der einerseits Reiterers Bestreben nach der symbiotischen Verknüpfung des Analogen mit dem Digitalen aufgreift, andererseits das bevorstehende 40-Jahre-Jubiläum der Galerie Crone thematisiert. Wie Reiterer auf seinen Templates lädt Bailey die Galeriebesucher*innen zu einer Reise in virtuelle Bildwelten ein, die ihren Ausgangspunkt im Realen hat und in die Imagination führt. Eine Virtual-Reality-App ermöglicht es, 3D-modellierte Avatare des Galeriegründers Ascan Crone und verstorbener Künstler*innen des Galerieprogramms wie Hanne Darboven, Martin Kippenberger, Darrel Ellis und Anne Loch in die Ausstellung „zu beamen“.

Durch das Scannen von QR-Codes, die in Reiterers Bodenarbeit integriert sind, erscheinen die gerenderten Figuren auf dem Display des Smartphones. Sie bewegen sich durch den Galerieraum und interagieren mit den Ausstellungsobjekten, die für die App ebenfalls modelliert und animiert wurden.

Auf diese Weise erweitert Jeremy Bailey die Ausstellung nicht nur in den digitalen Raum, er begegnet ihr auch mit einem Augenzwinkern. Zwar spielen Reiterers Werke allein durch ihre zusätzliche Präsenz die Hauptrolle, sie stehen jedoch unter ständiger Beobachtung der Avatare aus dem langjährigen Galerieprogramm – möglicherweise ein selbstreferenzieller, humorvoller Verweis auf die „Last“ der Kunstgeschichte.

 

Stefan Reiterer wurde 1988 in Waidhofen an der Thaya in Österreich geboren und studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Seine Arbeiten befinden sich in der Sammlung des Bundes Österreich, des Belvedere Wien und der Landessammlung Niederösterreich. Sie wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt, unter anderem in Sao Paulo, Mexico City, New York, Chicago, Los Angeles, London, Prag, Berlin und Porto. Zuletzt war Reiterer an der Tuesday@Secession-Reihe in der Wiener Secession beteiligt.

Jeremy Bailey (*1979 in Toronto) ist ein selbsternannter Famous New Media Artist. „Seit den frühen Nullerjahren hat Bailey einen fesselnden und oft komischen Weg durch die verschiedenen Entwicklungen der digitalen Kommunikationstechnologien gepflügt“ (Morgan Quaintance, Rhizome) Bailey ist auf der ganzen Welt aufgetreten und hat ausgestellt, von Badezimmern in Buffalo bis zu Museen in Moskau. 2021 haben Jeremy Bailey und Stefan Reiterer ihr erstes gemeinschaftliches Projekt auf youar.shop veröffentlicht.

Text: Sonja-Maria Borstner

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