TEX RUBINOWITZ

Tarnsätze und Stickstoffe

10. Juni – 28. August 2021

Öffnungszeiten

Di–Fr, 12 Uhr–18 Uhr

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Wir möchten Sie herzlich zur Eröffnung der Einzelausstellung „Tarnsätze und Stickstoffe“ des deutsch-österreichischen Autors, Cartoonisten und Künstlers Tex Rubinowitz in unserer Wiener Galerie einladen. In den gezeigten Arbeiten verbindet er seine schriftstellerischen, zeichnerischen und künstlerischen Talente mit einer bislang verborgenen Begabung: dem Nähen.

Das Ausgangsmaterial von Rubinowitz' neuer Werkreihe sind ausgemusterte, weggeworfene Textilien. Feinsäuberlich näht er alte Tischdecken, Taschentücher oder Wandschoner zusammen und bestickt sie anschließend mit Sätzen, Sprüchen oder Wortfetzen. Dafür verwendet er eine antiquarische Pfaff-Nähmaschine, die ihn, wie er sagt, fast von allein leitet und treibt.

Er, der Künstler, gibt sich dem Akt des maschinellen Nähens einfach hin, fällt beinahe in Trance und lässt das Sprüchesticken geschehen. Die surrend-klopfende Pfaff-Nähmaschine übernimmt das Kommando und verschafft dem von möglichen Blockaden oder Zweifeln bedrohten Künstler das befreiende Gefühl, nach dem er sich in seinem tiefsten Inneren sehnt: Dem Kontrollverlust bei gleichzeitig höchster Produktivität.

Der Zufall hatte entschieden, welches Wort er aufgeschnappt hatte und welcher Satz sich in seinem Kopf festsetzte, dem Zufall bleibt es nun überlassen, welchen Buchstaben er zuerst einsticht, welcher Begriff sich daraus formt, wie dick die Konturen der Schrift werden, wie sich ein Wort zum anderen fügt und wohin alles führt. Weder die vollständigen Sätze, noch die Endausführungen sind kalkuliert.

„Sätze vom Unterbewusstsein komplettieren zu lassen, und diese von einer Nähmaschine in Eigenregie sticken zu lassen, macht das, was wir nicht steuern können, als Teil dessen sichtbar, was wir sind, und woraus wir bestehen,“ sagt Rubinowitz.

Damit reihen sich die bestickten Textilstücke perfekt in Rubinowitz' übriges Werk, das stets gekonnt zwischen sinnloser Sinnhaftigkeit und sinnhafter Sinnlosigkeit changiert. So steht der Betrachter belustigt oder erstaunt vor einer Flut von Sprüchen, fasziniert von der Ästhetik der eingestickten, tanzenden Buchstaben, rätselnd in die Worte und ihre mögliche Bedeutung vertieft, mal den Faden einer eventuellen Deutung aufgreifend, mal ihn wieder verlierend - um vielleicht festzustellen, dass das Nähgarn mehr Verstand hat als man selbst und der wahre Sinn nur in dem steckt, was man in seinem tiefsten Inneren empfindet und sich zusammenreimt.

Tex Rubinowitz wurde 1961 in Hannover geboren und lebt seit 1984 in Wien. Als Cartoonist arbeitet er für den „Falter“, die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, „Titanic“ und den „Kurier“, als Schriftsteller veröffentlichte er zahlreiche Bücher und wurde 2014 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Als bildender Künstler trat er trotz eines einwöchigen Studiums an der Universität für Angewandte Kunst bei Oswald Oberhuber bisher nur sporadisch in Erscheinung, aber Dank seiner neuen Liaison mit einer Pfaff-Nähmaschine verspürt er Lust auf mehr.

 

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